fbpx
Top

Kulturelle Teilhabe, Diversität und Co. – von Besucher*innen und Nichtbesucher*innen

von Marie Brüggemann

Der Begriff der „Kulturellen Teilhabe“ ist in aller Munde. Ob in Podcasts, Kulturmagazinen oder auf Social-Media-Kanälen: Jede*r spricht davon, dass der Zugang zu Kunst und Kultur allen Menschen offen stehen muss. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Wieso sollte denn nicht die Gesamtheit der Gesellschaft teilhaben an Musik, Tanz, Gesang, Schauspiel und kulturellem Austausch? Nur verhält sich das Ganze in der Umsetzung oftmals komplexer als erwartet. Was müssen Kulturinstitutionen alles bedenken, wenn sie ihr Angebot für ein breites, diverses Publikum auslegen wollen?

Fremdheit und Nähe von Kultur

 Kulturelle Teilhabe stärkt das Zusammenleben und den Zusammenhalt in einer vielfältigen und individualisierten Gesellschaft.

So heißt es auf der ersten Seite des Handbuchs für „Kulturelle Teilhabe“ vom Nationalen Kulturdialog. Das Werk klärt auf über 300 Seiten und in drei Sprachen auf. Dabei geht es um den Begriff, die damit verbundenen Herausforderungen sowie über alle Facetten einer diversen Gesellschaft auf. „Diversität“, ein weiterer allgemein bekannter Begriff, welcher jedoch nicht immer in seiner Gänze verstanden wird. Wäre es nicht ausreichend und einfacher die Einladung zu einer Kulturveranstaltung an „alle“ auszusprechen?  Nein. Denn kulturelle Veranstaltungen sind nun einmal (und wurden es vor Allem in der Vergangenheit) auf spezifische Gruppen der Gesellschaft ausgelegt. Museum, Oper, Theater – eben solche Kultureinrichtungen geben vielen das Gefühl von Fremdheit. Die Extravaganz einer Theaterinszenierung im Schauspiel Köln oder die Abstraktion eines Werkes von Gerhard Richter im Museum Ludwig schaffen nicht für jede*n im ersten Moment einen Affekt von Nähe und Geborgenheit. Aber woran liegt das? Ist Kultur nur was für ein bildungsbürgerliches Milieu?

Hochkultur vs. Alltagskultur

Insbesondere Kulturinstitutionen wie Museen haben lange Zeit eine Repräsentationshoheit genossen, mit der Kunst- und Kulturobjekte nur für das Interesse bestimmter Personengruppen ausgewählt wurden. Oftmals war es die Ansprache eines akademischen Publikums, das sich bereits vor dem Museumsbesuch mit der ausstellenden Person beschäftigt hat. In vielen Museen und anderen Kultureinrichtungen ist das jedoch nicht mehr der Fall. Das Museum wird mittlerweile neu gedacht. Die frühere Autorität der Museen wird jetzt hinterfragt. Die Menschen wünschen sich vielerorts die Funktion des Museums als Forum für ein breites Publikum, das einem die Chance ermöglicht, miteinander ins Gespräch zu treten. An dieser Stelle sind es gerade Disziplinen wie die Kulturanthropologie, die heute dabei helfen können, Schnittstellen zwischen Hochkultur und Alltagskultur im Museums- oder auch Theaterbereich herzustellen. Denn ob Theater oder Oper – die Betreibenden möchten ihr Programm für ein vielfältiges Publikum auslegen. Vielfältig (oder divers) – das bedeutet für alle Ethnien, alle Altersgruppen, alle Geschlechter. Für Menschen mit Beeinträchtigungen sowie für verschiedene religiöse, politische oder soziodemografische Weltanschauungen.

„Neue Brücken zum Publikum“

Es gilt demnach „neue Brücken zum Publikum“ zu schlagen und nachzuhorchen, für wen Kunst und Kultur heute angeboten werden muss. In einem von Deutschlandfunk geleiteten Beitrag in der Länderzeit wird über eben diese Thematik gesprochen. Im Beitrag hört man unterschiedliche Stimmen größerer deutscher Kulturinstitutionen, u. a die von Dietmar Schwarz, dem Intendanten der Deutschen Oper in Berlin. Laut Schwarz sei es oftmals schon die Art und Weise sich zu kleiden, die die Menschen abschrecke, die „unsichtbare Schwelle“ der Oper zu übertreten. Insbesondere das Interesse eines jungen Publikums zu entfachen sei eine Schwierigkeit. In Zukunft wolle man sich daher der Nicht-Besucher*innen-Forschung mehr widmen. Ein Begriff, der für die Ohren zunächst fremd wirken mag (und diesmal verwirrt nicht die All-Gender-Alternative, sondern die Verneinung am Anfang des Begriffs). Nicht-Besucher*innen sind diejenigen, die bisher gar keinen Kontakt zu Oper, Museum und Co. hatten. Über sie möchte Dietmar Schwarz mehr herausfinden, und vor allem wieso sie bisher Kultureinrichtungen und -veranstaltungen gemieden haben.

Zugang zu Kultur durch Gegenwartsbezug

Bassam Ghazi, Theaterpädagoge und Regisseur des Schauspiels Köln, ist eine Auseinandersetzung mit solchen (ehemaligen) Nicht-Besucher*innen bereits eingegangen. 2008 gründete er das „Import-Export-Kollektiv“ in Köln-Mülheim. Teil des Ensembles sind 28 junge Menschen im Alter von 14 bis 32 Jahren aus dem Viertel. Seit 2015 gehört es zum Schauspiel Köln. Neben Mülheims rechtsrheinischer Lage ist für das Veedel außerdem auffällig, dass es eines der eher sozial schwächeren Viertel der Stadt darstellt. Die Mitglieder des Ensembles stammen aus äußerst diversen Lebenslagen. Einige von ihnen haben sich zuvor noch nie mit Theater beschäftigt. Ghazi selbst erzählt im Interview mit Deutschlandfunk von seinem ersten Theaterbesuch mit 18 Jahren – ein Gefühl von Nähe oder gar Vertrautheit habe er dabei nicht verspürt. Auch die Stimmen einiger Mitglieder des Ensembles hört man im Beitrag von Deutschlandfunk: Was junge Leute heute dazu veranlasst Kulturinstitutionen wie das Theater zu besuchen oder gar selbst dort mitzuwirken, sind ihnen zufolge die ‚modernen‘ Anliegen, die im Schauspiel Köln beispielsweise inszeniert würden. Sobald die Theaterstücke mit gegenwärtigen gesamtgesellschaftlichen Themen gefüllt sind, ist auch der Zugang zur Kultur einfacher. Gefragt sind hier Themen wie „Cyber-Mobbing“, Alltagsrassismus, Migration oder beispielsweise Ideen über neue Modelle für ein gerechtes und nachhaltiges Zusammenleben gefragt.

Mit konkreten Handlungsansätzen zu mehr kultureller Teilhabe

Will man in seinem eigenen Kulturbetrieb einen größeren Fokus auf Kulturelle Teilhabe, das Schaffen kultureller Vielfalt sowie eine gesellschaftliche Inklusion legen, kann man unterschiedlichen praktischen Handlungsansätzen nachgehen. Was das für Ansätze sind und was es für ihre Durchführung braucht, kann man beispielsweise im Handbuch des Nationalen Kulturdialogs nachlesen. Hier gibt’s das komplette Handbuch kostenlos als PDF zum Herunterladen.

Und hier könnt ihr euch den Beitrag von Deutschlandfunk zum Thema „Neue Brücken zum Publikum“ anhören!