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Mein Kind tanzt und singt – und Deins?

von Amelie Hauser

Kürzlich sangen im WDR Kinder über eine Oma als Umweltsau. Der Protest war groß, viele echauffierten sich, ein rechter Mob war schnell gebildet und Tom Buhrow sah sich genötigt eine Entschuldigung auszusprechen. Dabei übersahen viele, was heute nicht mehr selbstverständlich ist: Die Kinder konnten singen. Wahrscheinlich weil sie eine musikpädagogische Ausbildung in ihrer Schule erhalten. Das sollte selbstverständlich sein, ist es aber mitnichten.

Eine vom Deutschem Musikrat, der Konferenz der Landesmusikräte und der Bertelsmann Stiftung beauftragte Datenerhebung liefert erstmals Zahlen zur Situation des Musikunterrichts an landesweiten Schulen. Das Ergebnis? Ein eindeutiger Mangel an ausgebildeten Musikpädagogen trifft auf die fortwährende Situation des erteilten Musikunterrichts durch Lehrkräfte ohne qualifiziertes Musikstudium. 40.000 Musiklehrer werden benötigt, dem gegenüber stehen gerade einmal rund 17.000 Pädagog*innen. Vor allem Deutschlands Grundschulen sind von der Situation besonders betroffen. Bei der landesweiten Befragung gaben 81% der Lehrkräfte an, dass an Grundschulen regelmäßig Personal im Fach Musik eingesetzt wird, das kein Lehramtsstudium inklusive Referendariat im Fach Musik absolviert hat – somit eigentlich für das Fach unqualifiziert ist. An Haupt-, Real- und Gesamtschulen waren es 77%, an Berufskollegen immerhin 71%. Lediglich an Gymnasien bezeugte eine Mehrheit von 65% der Befragten, dass dies dort nicht der Fall sei. Die Sinnhaftigkeit des Einsatzes von Lehrkräften ohne adäquates Fachstudium wurde allgemein in Frage gestellt – über 80% aller Befragten hielten dies für „Eher nicht sinnvoll“. Während bei Gymnasien über 52% angaben, dass der Entfall von Musikunterricht nie vorkäme, bezeugten 33% der Lehrkräfte an Grundschulen, dass dies sogar oft passiere.

Musik gilt als unverzichtbarer Bestandteil unserer Bildung, da sie Kreativität, Lebensfreude, Gemeinschaft sowie die gegenseitige Verständigung fördert. Dass gerade Grundschulen vordergründig betroffen sind, bringt dem jüngsten, schulischen Nachwuchs der Gesellschaft bereits erhebliche Nachteile. Vor allem sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler haben ohne ein ausreichendes Angebot an Musikunterricht oftmals kaum Chancen, mit Musik in Kontakt zu kommen. Da zudem Grundschulen gegenüber anderen Schulformen noch die Möglichkeit haben alle Kinder zu erreichen, gilt es den uneingeschränkten Zugang zur musikalischen Bildung in Form von fachkompetentem, regelmäßigem Musikunterricht unbedingt zu bewahren. Auch in den nächsten Jahren ist einer an die Studie angeschlossenen Modellrechnung folgend kaum eine Besserung in Aussicht.

Doch welche Maßnahmen können getroffen werden, um die gegenwärtige Situation zu verbessern? Landesregierungen, Schulbehörden und Hochschulen müssen gleichermaßen aktiv werden und konzeptuell handeln. Vor allem empfiehlt sich ein landesweit einheitliches Konzept, um auf einer alles umfassenden Gesamtebene effektiv agieren zu können. Die Ergebnisse der durchgeführten Studie liefern diesbezüglich verschiedene Ansatzpunkte: ein bedarfsgerechter Ausbau an Studienkapazitäten, eine Attraktivitätssteigerung eines Lehramtsstudium im Fachbereich Musik für Studieninteressierte, eine Erhöhung des Stundenanteils, mit dem ausgebildete Musiklehrkräfte das Fach unterrichten und zumindest für die Übergangsphase eine Zunahme von Seiteneinsteiger*innen nach verbindlichen Standards. Die Bertelsmann Stiftung empfiehlt zudem ein deutschlandweit konsistentes Monitoring – also eine Dauerbeobachtung – unter dem Dach der Kultusministerkonferenz.

Es gibt aber noch einen weiteren Ansatzpunkt, der unserer Meinung nach unbedingt zu berücksichtigen sein sollte. Um herangehende und bereits geschulte Pädagog*innen optimal auf die aktuelle sowie weiterhin bestehende Situation vorzubereiten, empfiehlt es sich Fort-/Weiterbildungsangebote im musikpädagogischen Bereich für angehende Lehrkräfte allgemein stärker bekannt und attraktiver zu machen. Eine intensivere Förderung solcher Weiterbildungsmaßnahmen betrachten wir als sinnvoll und hoffen, dass so auch allgemein die Anerkennung von Zusatzkompetenzen im musikpädagogischen Bereich gesteigert werden kann.

Wie seht Ihr die Problematik und was haltet Ihr vom Einsatz von Lehrkräften ohne abgeschlossenes Musikstudium? Sinnvoll oder eher nicht? Lasst es uns in den Kommentaren wissen. Schreibt uns eine Nachricht in Instagram an szene_kulturmanagement.