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Hast du MUT zur Kultur? – Veranstaltungen im Corona-Sommer

von Anna Wegner

Maskenpflicht, 1,5 Meter Abstand, ausreichend Hygieneartikel und die akribische Dokumentation der Gäste. Ein ausgeklügeltes Hygienekonzept wird in der jetzigen Zeit auch von kleinen Veranstalter*innen erwartet und somit standen Kulturschaffende zunächst vor einer großen Aufgabe, die viel Zeit und Geld kostet. Anfangs wurden analoge Veranstaltungen von bereits bestehenden Konzepten wie Autokinos geprägt. Mit der Zeit und mit den Lockerungen der Maßnahmen sind neue Konzepte dazu gekommen und haben den Offline-Veranstaltungsbereich weiterentwickelt. Inzwischen ist der Kulturbereich in Köln geprägt von Corona-konformen innovativen und kreativen Formaten: (Kopfhörer-) Konzerte ohne Singen an der frischen Luft, Open-Air Kinos mit eingekreisten Bereichen für die Zuschauergruppen, Biergärten mit einheitlicher Dokumentation der Gäste sowie komplett neu gebaute Open-Air-Bühnen mit unterschiedlichstem Programm von gemeinnützigen Initiativen. Verschiedenste Konzepte haben es bis zur Umsetzung geschafft und das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Zunächst möchten wir ein Format aufzeigen, welches zwar schon länger besteht, welches aber durch Corona definitiv wiederbelebt wurde: Autokinos. Mit zumindest bereits bestehendem Abstandskonzept, haben Autokinos ihre Besucher*innen anfänglich in der Corona-Krise mit neuen Formaten überrascht und konnten so eine Bühne für besondere Kulturprojekte und einzigartige / ungewöhnliche Konzerte bieten. Anstatt – wie sonst immer – nur die neuesten Kinofilme  zu zeigen, haben Kölner Veranstalter*innen wieGRENZGANG“ Reisevorträge und andere Formate im Autokino Porz zeigen können.

Hat die Corona-Krise einem festgefahrenen Kulturbereich, der sich schon längst den neuen Gegebenheiten hätte anpassen und sich auf Krisensituationen vorbereiten müssen, vielleicht sogar neue Motivation gegeben, sich weiterzuentwickeln? Wir haben einige ganzheitlich neu gedachte Projekte aus Köln für euch ausgewählt, um aufzuzeigen, welche neuen Kulturformate es im Corona-Sommer geschafft haben sich zu etablieren und welche eventuell auch noch in den kommenden Jahren eine Zukunft haben könnten.

 

Der „Kultur Fleck“ – KLuG e.V.:

Der „KulturFleck als Teil des KulturSommers 2020, ein Format von KLuG – Köln Leben und Gestalten e.V. ist ein neu entstandener soziokultureller Freiraum in Köln-Ehrenfeld. Dabei wird ein Park in einem partizipativen Prozess gemeinsam gestaltet: die offene Programmorganisation soll jede*n einzelne*n dazu einladen, sich aktiv an der Organisation und Umsetzung zu beteiligen. Der Leo-Amann-Park am BüzE in Köln-Ehrenfeld, der sonst eigentlich nur Bewohner*innen der näheren Umgebung anlockt, hat sich in den ersten Wochen des „KulturFlecks“ zu einem Treffpunkt für Kölner*innen aus allen Stadtteilen entwickelt. Täglich entstehen neue Formate und Ideen und der Park konnte sich so als Treffpunkt für Kulturschaffende aus ganz Köln etablieren.

Das „KulturPääd“ – KLuG e.V.:

Ein weiteres, aktuell geplantes Projekt vom KLuG – Köln Leben und Gestalten e.V. ist das „KulturPääd“. Es handelt sich hierbei um ein Lastenfahrrad, das als mobile Kulturstation durch die verschiedenen Veedel, insbesondere Sozialraum-Veedel, fährt und Aktionstage vor der eigenen Haustür organisiert. Ziel der Aktionen ist es, die Lebensqualität des Corona-Sommers zu erhöhen und über die Möglichkeiten von sozialem und ökologischem Engagement zu informieren. Das „Kulturpääd“ ist ein Veedel übergreifendes Projekt, welches vor allem auch Nachbarschaften einschließt, in denen Kultur normalerweise nicht tagtäglich auf der Straße zu sehen ist. Ein integratives Projekt also, welches nicht nur den kulturell integrierten Veedeln zugutekommt und somit das Zusammenleben und die Wirksamkeit aller Kölner*innen stärkt.

Der „Tag des Guten Lebens“ – Agora Köln:

Tag des guten Lebens 2019, Agora Köln

Die Agora Köln hat sich ebenfalls eine Corona-konforme Aktion überlegt: Normalerweise startet die Initiative jedes Jahr in einem ausgewählten Kölner Veedel den ‚Tag des guten Lebens‘. Hierbei handelt es sich um einen autofreien Nachbarschaftstag mit verschiedensten Aktionen, Ausstellungen und Workshops der Anwohner*innen. Da die Besucher*innenzahlen jedoch meist relativ hoch sind, wird der Tag dieses Jahr etwas anders gestaltet. Der Tag des guten Lebens 2020 wird dezentral in Köln nach dem Motto „Gestalte deine Straße“ stattfinden. In einem festgelegten Freiraum sollen verschiedene temporäre Nachbarschafts- und Veedelsstraßen entstehen, die Bewusstsein für den öffentlichen Raum und seine Möglichkeiten schaffen sollen. Wer also Lust hat seine Straße mit Nachbar*innen und lokalen Vereinen einen Tag lang zu gestalten, kann sich beispielsweise bei programm@agora-koeln.de melden, denn dieses Jahr können die Bürger*innen selbst aktiv werden. Es werden mehrere Tage gestaltet, verschiedenste Veedel werden miteinbezogen und ganz Köln bekommt die Möglichkeit sich für das eigene Veedel zu engagieren. (© Bild: Tag des guten Lebens 2019, Agora Köln)

„Sommerkino Mülheim“ – Agora Köln: 

Ebenfalls von der Agora Köln wurde ein kleines Sommerkino in Mülheim gestartet: ein Beamer, auf einem Lastenrad am Mülheimer Bahnhofsvorplatz platziert, fungiert als vollwertiges Outdoor-Kino, und ist, dank den neuen gelben Sitzgelegenheiten der Deutschen Bahn, bereits einsatzbereit. Die Deutsche Bahn versucht nämlich, langfristig den Bahnhofsvorplatz innovativ zu beleben und die „Agora Köln“ hat sofort mitgemach. Denn mehr öffentlicher Raum bedeutet auch mehr Möglichkeiten der Begegnung! Gerade in Zeiten der Abschottung nimmt das Zwischenmenschliche und gemeinsam Erlebte einen hohen Stellenwert ein und darf nicht vernachlässigt werden.

„Pop-Up-Biergarten“ – Kölner IG Gastro:

Der Pop-Up-Biergarten auf der Vogelsanger Straße sollte bisherige Feier-Hotspots in Köln entlasten und die in Not geratenen Gastronom*innen und Clubbetreiber*innen unterstützen. So ist eine sinnvolle Ergänzung zur klassischen Gastronomie und ganz nebenbei eine autofreie Straße für mehrere Tage entstanden. Der Biergarten hat zwar nicht unbedingt andere Hotspots entlastet, aber hat trotzdem eine Ausgehmöglichkeit am Grüngürtel geschaffen und wieder einmal eine innovative Nutzung von Stadtraum aufgezeigt.

„Kunst Späti“ – jungekunstfreunde:

Die jungekunstfreunde des Wallraff-Richartz Museum und des Museum Ludwig haben sich mit einem Veranstaltungsformat angeschlossen, welches den Gästen ermöglicht, die Ausstellungen auch nach den regulären Öffnungszeiten zu besuchen. Der „Kunstspäti“ bespielt zweimal im Quartal eins der beiden Museen und es werden Vorträge sowie verschiedene Führungen angeboten. Für erfrischende Getränke und Musik ist gesorgt. Als Erkennungszeichen und Infostand dient ein alter, umgestalteter Postwagen. Durch die verlängerten Öffnungszeiten werden Ballungszeiten entzerrt und das Zusammentreffen der Besucher*innen vermindert. Zusätzlich erhalten so aber auch Menschen Zugang zum Museum, die zu den regulären Museen Öffnungszeiten arbeiten müssen oder anderweitig beschäftigt sind und ansonsten selten Führungen erleben können.

Der „Kulturgarten“ – fünfdrei eventagentur GmbH & RheinEvents GmbH:

Der „Kulturgarten“ in Bonn, ein Outdoor-Konzept welches die Herzen aller Picknick Liebhaber*innen und Kulturfreund*innen höherschlagen lässt ist das wahrscheinlich größte Kulturkonzept im Umkreis. Auf der „kleinen Blumenwiese“ im Bonner Rheinauenpark ist Platz für etwa 2.000 Besucher*innen. Vor der Bühne sorgen Liegestuhlparzellen mit jeweils 10 Liegestühlen für entspannten Genuss, im mittleren Bereich sind Bierbankparzellen mit jeweils 8 Plätzen und ganz hinten auf einer kleinen Anhöhe sind Picknickwiesenparzellen, für die sich jede*r seine oder ihre eigene Picknickdecke mitbringt. Ein Großkonzept, das den Hygieneregeln entsprechend arbeitet und gleichzeitig so abwechslungsreich ist, dass garantiert für jede*n etwas dabei ist. Sitzgelegenheiten während eines Konzerts können nämlich auch sehr angenehm sein, wenn man dieses ansonsten stehend in dichtgedrängten Menschenmassen erlebt.

„Summerstage“ – Klubkomm e.V. in Zusammenarbeit mit der Stadt:

Die Summerstage im Kölner Jugendpark ist eine geschmackvoll, nach den Corona-Vorgaben gestaltete Open-Air-Bühne. Trotz Sitzplatzpflicht soll ein kleines bisschen Festival-Feeling aufkommen und das Ganze ist mit 350 Plätzen sogar eine recht große Spielstätte. Um die Anwohner*innen nicht zu stören, werden alle Konzerte mit Silent-Kopfhörern durchgeführt. Diese bieten überall eine perfekte Lautstärke mit bestem Sound – sogar auf der Toilette! Unter normalen Umständen wäre eine solche Veranstaltungsform niemals direkt am Rhein inmitten eines öffentlichen Parks genehmigt worden, aber durch die kreative Idee der „lautlosen“ Konzerte bietet die Summerstage in diesem Sommer eine Bühne für viele lokale Künstler*innen.

Unser Ebertplatz „Assemble / Disassemble“ – Köln International School of Design:

Die Köln International School of Design hat auf dem Ebertplatz gestalterische Arbeiten gezeigt, die Wirkungen der Pandemie auf das Kommunizieren und Handeln im öffentlichen Raum reflektieren, denn ein zentraler Moment des Zusammenkommens im öffentlichen Raum ist die physische Anwesenheit der Akteur*innen. Lichtinstallationen, Fotoarbeiten und interaktive Formate sollen der Idee der Inszenierung pluraler Souveränität durch versammelte Körper gerecht werden. Zeit- und medienbasierte Arbeiten, aber auch Performances und Interventionen sollen die Zuschauenden zur Reflektion von Thematiken wie Überwachung, Abstand und die auditive Erfahrung pandemischer Stille anregen. Durch diese Ideen wurde der Ebertplatz, ein ansonsten sehr zwiegespaltener Ort, auch in dieser besonderen Zeit bespielt und hat die Besucher*innen zum Nachdenken angeregt.

Trotz strenger Hygiene-Richtlinien in dem von Covid-19 geprägten Sommer 2020 haben die Kölner Initiativen und Veranstalter*innen uns bisher einen kulturreichen Sommer beschert! Open-Air Veranstaltungen haben an Bedeutung gewonnen, da Indoor-Veranstaltungen und Konzertbesuche unmöglich wurden. Partizipative Ideen, die die Kreativität und Eigeninitiative der Kölner*innen weckten, haben ebenfalls einen großen Einfluss auf den Corona-Sommer gehabt. Welche Schlüsse kann man für die Zukunft daraus ziehen? Wie werden die nächsten Jahre wohl aussehen?