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Wo ist das Museum? – Outreach und der Sprung vom Tellerrand

Von Jérôme J. Lenzen

Auch wenn es zunächst so klingen mag, wir sind nicht auf der Suche nach einem bestimmten Museum. Als jemand, der in zahlreichen stark touristisch frequentierten Städten gelebt hat, würde es mir auch nicht in den Sinn kommen, eine Frage zu stellen, die mir mein Smartphone samt Karten-App unkompliziert beantworten kann. Generell sind wir mit dieser Frage nicht auf der Suche nach einer geographischen Koordinate. Das wäre in Städten wie Köln zuweilen sogar recht kompliziert, befinden sich aktuell doch zwei städtische Museen in Interimsquartieren und somit nicht am ursprünglichen Ort. Ist das Römisch-Germanische-Museum nun am Neumarkt im Belgischen Haus, oder weiterhin – obschon auf Jahre geschlossen – auf der Domplatte. Ist ein Museum ein Museum, auch wenn es geschlossen ist, so wie die Staatliche Kunsthalle in Karlsruhe, die eine mehrjährige Sanierung erfährt? Ist das Museum dort, wo die Sammlung aufbewahrt wird? Dann müssten wir wohl die Hallen Kalk als Museum bezeichnen und dies nicht nur, weil dort in ein paar Jahren das DOMID – Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland einziehen wird, sondern weil das Museum Ludwig an jenem Ort ein Depot unterhält, das nicht für die Öffentlichkeit geöffnet ist.

Aber auf die Idee, dass ein Kunstlager – womöglich sogar im Keller – ein Museum ist, würde wohl auch niemand kommen. Auch der Verwaltungstrakt mit den Büros für die Mitarbeitenden entspricht nicht dem Bild von einem Museum. Die allgemeine Vorstellung eines Museums ist vielmehr ein Ort, an dem wir uns Kunst, historische Gegenstände, Maschinen oder ähnliches ansehen können, oder anders gesagt: Ein Ort der Präsentation und Vermittlung. Interessanterweise hatten Museen lange Zeit ein Aufgaben-Triptychon, in dem die Vermittlung keinen Platz hatte; stattdessen: Sammeln – Bewahren – Erforschen. Denken wir dies konsequent zu Ende, wäre ein Lager mit Bürotrakt doch musealer, als wir zuvor noch festgestellt haben. Natürlich verstehen heutzutage (die meisten) Museen die Vermittlung durch Führungen, Workshops und Vorträge als selbstverständlichen Bestandteil ihrer Aufgaben. Auch die wohl bekannteste Definition von Museen durch den Internationalen Museumsrat (ICOM) umfasst ebenjenes Aufgabenspektrum:

Ein Museum ist eine dauerhafte Einrichtung, die keinen Gewinn erzielen will, öffentlich zugänglich ist und im Dienst der Gesellschaft und deren Entwicklung steht. Sie erwirbt, bewahrt, beforscht, präsentiert und vermittelt das materielle und immaterielle Erbe der Menschheit und deren Umwelt zum Zweck von Studien, der Bildung und des Genusses.

Legen wir diese Definition zu Grunde, so können wir ‚Wo ist das Museum?‘ auch auf unsere Gesellschaft übertragen und danach fragen, welche Rolle Kunst-, Geschichts- oder Wissenschaftsmuseen einnehmen? Sind es Institutionen der Bildung, der Wissenschaft oder der Freizeit? In der Corona-Schutzverordnung hatte diese Verortung erhebliche Auswirkungen, denn als Freizeiteinrichtungen waren Museen beinahe zwei Jahre mit Unterbrechungen geschlossen. Doch auch in dieser Zeit lautete die Antwort auf unsere Frage nicht ‚Nirgendwo‘. Denn auch wenn die Räume für Präsentation und Vermittlung geschlossen waren und die Erforschung im Home Office stattfinden musste, so fanden die Museen dennoch statt: In Apps, bei YouTube oder über Zoom. Manches davon überdauerte sogar die Wiedereröffnung und scheint mehr und mehr eine permanente Ergänzung zum bisherigen Angebot. Die museale Arbeit findet also nicht nur ‚in‘ den Museen statt, auch im digitalen Raum können Angebote wahrgenommen werden. Und auch in analoger Form finden zahlreiche Museumsangebote außerhalb der eigentlichen Gebäude statt. Museumstaschen, Workshops in Schulen, oder sogar als Lieferservice für den kleinen Kunstappetit. Es gibt zahlreiche inspirierende Projekte, die von Museen außerhalb der eigenen vier Wände umgesetzt werden. Ein Begriff, der in diesem Zusammenhang zunehmend an Bedeutung gewinnt, lautet ‚Outreach‘. In den kommenden Monaten möchten wir Euch mehr über das Konzept berichten, Beispiele präsentieren und aufzeigen, welches Potential für die Kunst- und Kulturlandschaft – nicht nur die Museen – in Outreach-Strategien liegt. Wir möchten Euch zeigen, wie kreativ und vor allen Dingen mutig viele Kultureinrichtungen schon jetzt nicht nur über den Tellerrand blicken, sondern auch springen.

 

Vorherige Beiträge:

‚Outreach‘ mit der Bundeskunsthalle – Interview mit Christian Gänsicke und Johanna Adam

Folgebeiträge:

Outreach – Definition und Auftrag

Inspirierende Outreach-Formate 1,2,3

Outreach in anderen Kultureinrichtungen