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Podcast der Woche: Sein und Streit von Deutschlandfunk Kultur

von Paul Langner

Vielleicht kennt Ihr das ja; ab und zu begegnet Euch auf Instagram oder Twitter ein Philosophie-Meme, der nur zur Hälfte verständlich und dementsprechend nur semilustig ist oder Ihr habt die eine Person im Freundeskreis, die stets weiß, wie sie einen entspannten Abend in eine hitzige Diskussion verwandeln kann. Auf jeden Fall fragt Ihr Euch, welche Relevanz Philosophie im 21. Jahrhundert noch mit sich bringt oder wo der Sinn im ganzen Philosophieren überhaupt liegen soll. Der Podcast ‚Sein und Streit‘, in Berlin von Deutschlandfunk Kultur produziert, könnte hier vielleicht Abhilfe schaffen. Er beschreibt sich selbst als ein „akustischer Denkraum“ inmitten von „Sinn und Unsinn“, der eine Brücke zwischen Alltäglichem und Akademischem schlagen soll. Inwiefern dies gelingt und welcher Sinn tatsächlich im Reinhören liegt, verrate ich Euch in diesem Beitrag.

Ein Podcast mit Anspruch – Wirklich einfach und zweitönig scheint hier nur das Cover

Wer mit Philosophie nicht besonders viel am Hut hat, könnte beim ersten Hineinschnuppern in ‚Sein und Streit‘ eventuell abgeschreckt werden. Der Podcast macht sich keine Mühe, seinen eigenen Anspruch zu verstecken; sowohl die durchschnittliche Länge von 35 bis 45 Minuten als auch die

Kurzbeschreibungen der einzelnen Folgen zeigen deutlich, dass den:die Hörer:in hier eine intensive Auseinandersetzung mit komplizierten Themen erwartet. Sowohl kulturelle und künstlerische Fragen als auch politische Probleme werden auf der Bühne der Philosophie besprochen. Von einer künstlichen Intelligenz, die Beethovens 10. Symphonie vervollständigt, bis hin zu Migration und Meinungspolitisierung; stets aktuelle Themen werden bei ‚Sein und Streit‘ ausführlich behandelt. Wirklich einfach und zweitönig scheint hier nur das Cover des Podcasts.

Jede Folge ist von den wechselnden Moderator:innen gut recherchiert und Fragen sowie Gäste sind den Themen entsprechend passend gewählt. Das ist wohl einer der größten Pluspunkte des Podcasts: Zu jeder Folge werden sehr kompetente Moderator:innen und Gäste eingeladen, die eine sympathische und interdisziplinare Gesprächsrunde abgeben. Meistens spielt sich die Unterhaltung zwischen Moderator:in und Gast zu zweit ab; es kommt aber auch vor, dass sich mehrere Gäste der Diskussion stellen. Die Gastgeber:innen besitzen stets einen journalistischen Hintergrund, spürbare Erfahrung in Interview sowie Moderation und leiten das Gespräch sicher und unterhaltsam. Bei den Gästen handelt es sich um Expert:innen auf ihrem Gebiet, beispielsweise Hans Ulrich Gumbrecht, der knapp zwei Jahrzehnte einen Lehrstuhl an der Stanford University innehatte. Dennoch ist es etwas schade, dass die Besetzung von ‚Sein und Streit‘ so häufig gewechselt wird. Obwohl alle Moderator:innen kompetent und sympathisch sind, kommt doch schon mal der Wunsch auf, seine:n Lieblingsmoderator:in öfters zu hören.

Worte statt Bilder – Der Wechsel von Konkret zu Abstrakt

Wem sich nun die Frage stellt, ob beim ganzen Philosophieren die Kultur nicht auf der Strecke bleibt, würde ich Folgendes antworten: Philosophie ist Kultur, ein philosophischer Gedanke aus Wörtern geformt ist ein kulturelles Produkt, wie es auch eine Statue aus Ton ist. Wie Musik ist es nur kein materielles Medium und dem entsprechend schwerer zu erkennen. Allerdings liegt meiner Meinung nach hier der große Vorteil, den ‚Sein und Streit‘ mit sich bringt. Als Podcast, der Philosophie in den Fokus setzt und Themen philosophisch betrachtet, verliert er nichts dadurch, dass er dies nur auditiv tut. Im Vergleich zu anderen Podcasts, die versuchen müssen, mit Worten ein möglichst realitätsnahes Bild in den Köpfen ihrer Hörer:innen entstehen zu lassen, befindet sich ‚Sein und Streit‘ bereits auf der Ebene der Worte und somit auf der Ebene der Philosophie. Der Podcast ist sich dessen bewusst und nutzt dies zu seinem Vorteil; beispielsweise wird in einer Folge der soziokulturelle Raum des Stadions thematisiert und anstelle einer konkreten Beschreibung des Stadions werden die abstrakten Gefühle beleuchtet, die mit dem Besuch eines solchen Ortes verbunden sind. Dieser Wechsel von Konkret zu Abstrakt, von Materie zu Gedanke funktioniert im Medium „Podcast“ ausgesprochen gut.

Leider muss noch eine Sache erwähnt werden, die mir nicht so gut gefällt. Auch wenn ich der Meinung bin, dass sich bei der breiten Auswahl der Themen für jede Person etwas finden lässt und jede Folge auch von Laien:innen in ihrer Ganzheit verstanden werden kann, erweckt ‚Sein und Streit‘ doch den Eindruck, etwas Vorwissen vorauszusetzen. Öfters werden philosophische Begriffe benutzt oder Philosoph:innen und Konzepte erwähnt, die nicht näher erläutert werden. Dies hat den Vorteil, dass der Gesprächsfluss nicht gestört wird; die eine oder andere Person wird sich jedoch ein paar Erklärungen wünschen.

Der Einstieg in den „akustischen Denkraum“

Allen Interessierten oder eventuell noch Zweifelnden, möchte ich folgende Episoden empfehlen: „Künstliche Intelligenz – Unsicherheit als Reiz der Computerkunst“ vom 5. September, „Philosophie des Zuschauens – Das Stadion als Arena der Intensität“ vom 30. Mai und „Perspektiven des digitalen Kapitalismus – Algorithmen für das Allgemeinwohl“ vom 3. Oktober. Und sonst einfach umschauen, denn im „akustischen Denkraum“ ist für jede:n etwas dabei.