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Podcast der Woche: Die Sucht zu sehen (von Grisebach)

von Nina Popp

Am Auktionsbach Grisebach wird ein Teil der Kunst-Enthusiast:innen wahrscheinlich nicht vorbeikommen, wenn es auf die Werke vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart ankommt. Es wurde in Berlin drei Jahre vor dem Mauerfall gegründet: in Erinnerung an die ehemalige Bedeutung der Stadt als Zentrum für jüdische Kunsthändler und Sammler. Einer der fünf Gründer war Hans Pels-Leusden (*08), dessen Werke bereits zur Zeit der nationalsozialistischen Diktatur beschlagnahmt und zerstört wurden. Und dann gibt es noch Bernd Schultz (*41), dessen aktuelles Projekt Stiftung Exilmuseum Berlin sich der Zwangsemigration widmet, die viele Menschen bewegte ihre Heimat – das Machtgebiet der Nazis – zu verlassen.

Dieser Hintergrund lässt den Podcast als Plattform verstehen, die von den Geschichten und den Menschen hinter der Kunst berichtet. Rebecca Casati moderiert den Grisebach-Podcast Die Sucht zu sehen. Mit ihren interessanten Fragestellungen richtet sie sich an Menschen, deren Leben von Kunst stark beeinflusst wird. Ihre Gäste haben interessante Lebensläufe: sie sind lange im Kunsthandel aktiv, schaffen selber erfolgreich Kunst, oder haben durch sonstige Umwege einen späten Zugang in diese Welt gefunden. Juergen Teller reist mit Dovile Dryzite in den Iran. Deborah Feldman fehlte es nach ihrem Weggang aus der jüdisch-orthodoxen Sekte an einem Bezugssystem um Kunst und Medien zu interpretieren, verstehen und fühlen zu können. Die Sammelleidenschaft von Lothar Schirmer lässt ihn stolz darüber witzeln, dass seine Wohnung vielmehr ein Kunstlager mit Schlafgelegenheit ist.

Es sind insbesondere diese wechselnden Persönlichkeiten, die den Podcast auf einem hohen Podest platzieren. Bei den Gesprächen bilden sich zuvor nie dagewesenen Perspektiven. Es geht um Angst und Scham, Familiengeschichten und -trauma, Gender, Digitalisierung, Religion. Doch zum Ende steht nur eins im Vordergrund: die Liebe zur Kunst, und wie sie uns Menschen bewegt.